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Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. DieVerantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.

 

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Begriffsbildung - Neues kennenlernen

Grundlagen

 

Kinder lernen die Welt um sich herum verstehen. Dazu lernen sie, die Dinge in "Begriffen" einzuordnen. Die Grundlagen der Begriffsbildung für blinde und sehbehinderte Kinder werden hier erläutert. Immer, wenn Kinder etwas Neues lernen sollen, sind diese Grundlagen wichtig.

Ein Begriff ist eine Klasse oder Gruppe von Dingen mit ähnlichen Eigenschaften.  Beispielsweise umfasst der Begriff „Auto“ eine ungemein große Vielzahl verschiedener Fahrzeuge, die alle meist vier Räder haben, von einem Motor angetrieben werden, der Fortbewegung dienen und Vieles mehr. 
Ein Wort ist die Bezeichnung für einen Begriff, nicht der Begriff selbst. Begriffe haben eine "allgemeingültige" Bedeutung - z. B. durch Definition im Lexikon - und eine Bedeutung für jeden Einzelnen durch persönliche Erfahrung und Beziehungen. So ist ein Baum z. B. nach Definition ein Lebewesen, eine Pflanze, Gehölz mit Nadeln oder Blättern und vieler weiterer Merkmale; für Verliebte kann er der schönste Ort der Welt und für jemand anderes nach einem Sturm der Zerstörer eines Hauses sein.
Begriffe können in immer speziellere Gruppen gegliedert werden, z. B. kann die große Gruppe der Lebewesen in Tiere und Pflanzen, die Gruppe der Tiere wiederum in Säugetiere und Vögel, die Säugetiere in Hunde, Katzen, Pferde etc. und schließlich die Gruppe der Hunde in Schäferhund, Labrador, Dackel usw. aufgeteilt werden. Solche Begriffshierarchien helfen beim Merken und Lernen. Beispielsweise lernen wir, dass ein Haflinger ein Pferd mit ganz bestimmten Eigenschaften ist. Gleichzeitig wissen wir sofort, dass es sich bei einem Pferd um ein Lebewesen und Säugetier handelt.

 

Besonderheiten beim Begriffslernen blinder und sehbehinderter Kinder

 

Beim Lernen von Begriffen können bei blinden und sehbehinderten Kindern Erschwernisse auftreten:

 

-        Der Blickkontakt und die Verständigung durch Blicke zwischen Eltern und Kind sind eingeschränkt. Das gemeinsame Betrachten eines Gegenstandes, was bei sehenden Kindern schon ab dem 4. Lebensmonat auftritt, ist nicht oder nur erschwert möglich. Das blinde oder sehbehinderte Kind erkennt somit unter Umständen nicht sofort, über wen oder was gerade gesprochen wird.

-        Sehende Kinder greifen schon sehr früh nach Gegenständen, die sie sehen oder sie versuchen, sich auf einen interessanten Gegenstand zuzubewegen. Hierdurch entwickeln sich Hand- und Fingerbewegungen und auch die Fortbewegung teils von selbst. Fehlt dieser Bewegungsanreiz oder ist er stark eingeschränkt, kann es zu Verzögerungen bei der Fein- und Grobmotorik kommen. Die Kinder lernen dann ihre Umgebung und die darin enthaltenen Gegenstände erst später kennen.

-        Um einen Gegenstand kennenzulernen, müssen blinde Kinder diesen in die Hand nehmen, ihn mit beiden Händen umschließen, mit den Fingern über seine Oberfläche streichen, ihn drücken und Vieles weitere mehr. Nur so können sie die Eigenschaften und Merkmale von Gegenständen erfahren. Ein solches Ertasten muss gezielt erlernt werden. Das Ertasten dauert jedoch wesentlich länger als das Betrachten und kann viele Objekte nicht erreichen, weil sie zu klein, zu gefährlich, zu groß oder zu weit entfernt sind.

-        Durch negative Erlebnisse (z.B. durch versehentliches Berühren heißer Gegenstände) können Tasthemmungen entstehen, die das Kennenlernen der Umwelt zusätzlich erschweren können.

-        Wichtig ist neben dem Tasten auch das Hören. Das Kind lernt beispielsweise, über Geräusche Gegenstände und Handlungen zu erkennen. Allerdings ist das Hören flüchtig und Geräusche sind oft nur von kurzer Dauer. Der Zusammenhang zwischen Geräusch und Geräuschquelle ist ohne Sehen schwerer erkennbar.

-        Sehende Kinder können viele Begriffe über das eigene Beobachten, aber auch über Bücher und Filme erlernen. Für blinde und sehbehinderte Kinder gibt es weniger Möglichkeiten sich Wissen selbstständig anzueignen.

 

Trotzdem sind der Wortschatz und die Wortbedeutungen bei blinden und sehenden Kindern nach wissenschaftlichen Untersuchungen fast gleich. Das bedeutet, dass sich die beschriebenen Erschwernisse nicht zwangsläufig auf die Lernentwicklung blinder und sehbehinderter Kinder auswirken müssen. Einer angemessenen Förderung kommt somit eine entscheidende Rolle zu.

 

Förderung der Begriffsbildung

 

Damit auch blinde und sehbehinderte Kinder leichter neue Begriffe lernen, können folgende Maßnahmen helfen:

 

-        Die Neugier des Kindes sollte gefördert und Hemmungen abgebaut werden (z.B. durch angenehme und spannende Tasterfahrungen).

-        Das Kind sollte möglichst viel Gelegenheit bekommen, sich von sich selbst aus zu bewegen und Dinge zu erkunden.

-        Eltern und andere Bezugspersonen sollten mit Worten begleiten, wenn das Kind Neues erkundet und auf Eigenschaften (z.B. weich, glatt, rau, flauschig) gezielt hinweisen.

-        Viele Begegnungen des Kindes mit neuen Dingen müssen geplant werden. Dabei sind „echte“ Erfahrungen besonders wertvoll, beispielsweise wenn das Kind bei Arbeiten im Haushalt aktiv beteiligt ist oder es ein lebendes Tier kennenlernen kann. Sind solche konkrete Erfahrungen nicht möglich, müssen Modelle (z.B. ein Spieltier) oder Beschreibungen mit Worten den Sachverhalt erklären.

-        Blinden und sehbehinderten Kindern müssen Taststrategien, die beim Erkunden benötigt werden, konkret gezeigt werden. Beispielsweise kann das Kind seine Hände auf die Hände des Erwachsenen legen, wenn dieser mit den Handflächen einen Bereich abtastet, um sich einen Überblick zu verschaffen. Analog beim Verfolgen von Konturen und Linien mit den Fingerkuppen, beim Umgreifen mit beiden Händen etc.

-        Neu Erlerntes (z.B. verschiedene Herbstblätter, verschiedene Werkzeuge) sollten für das Kind noch längere Zeit zugänglich und greifbar sein (z.B. an einem ganz bestimmten Platz oder einer Art „Ausstellungstisch“)

-        Zum Erlernen von Begriffen ist es wichtig, dem Kind die besonderen Merkmale bewusst zu machen, die den jeweiligen Begriff ausmachen, z. B. "Schau, es hat ein Kabel, also ist es bestimmt ein elektrisches Gerät."

-        Zu einem Begriff sollte das Kind auch Unter- oder Obergruppen kennenlernen, um ihn einordnen zu können: "Es ist ein Auto, aber kein Rennauto und auch kein Lastwagen."

-        Sortieraufgaben können dem Kind verdeutlichen, was alles zum Begriff dazu gehört. (z.B. nach dem Waldspaziergang Waldfrüchte und Laubblätter auseinander sortieren).

 

Gezielte Planung für das Lernen von Begriffen

 

Will man einem sehbehinderten oder blinden Kind eine neue Sache begreifbar machen, helfen folgende vorbereitenden Fragen.

 

1.        Vorüberlegungen in Bezug auf den zu erlernenden Begriff

 

-        Was ist das Wesentliche an der Sache? Welches sind die entscheidenden Merkmale?

-        Welche Merkmale sind für das blinde Kind direkt zugänglich? Was kann das Kind mit dem Neuen direkt tun?

-        Welche Merkmale sind für das blinde Kind nicht direkt zugänglich (Farbe, Bewegungsmerkmale etc.)? Welche hiervon sollte es trotzdem kennen? Wie können diese Merkmale trotzdem vermittelt werden? (Modelle, Vergleich mit Bekanntem, Beschreibung mit Worten etc.)?

-        Welche Bezeichnungen müssen hinsichtlich des Begriffs und dessen Merkmale eingeführt bzw. genannt werden?

-        Gibt es typische Exemplare des Begriffes? Durch welche abweichenden Exemplare kann der Begriff später noch genauer erfasst werden? (z. B. Einfamilienhaus als Beispiel für Haus und Kirche als Gebäude, das kein Haus ist)

-        Wie kompliziert ist die Sache? Müssen Grundmerkmale mit Anschauungsmaterial (Modelle, Reliefbildern etc.) vorbereitet werden, damit das eigentliche Objekt erfasst werden kann?

-        Welche Unter- und Oberbegriffe sind zusätzlich notwendig, um den Begriff in eine Begriffsordnung bringen zu können?

 

2.        Vorüberlegungen in Bezug auf die Lernvoraussetzungen der Kinder

 

-        Welche Vorerfahrungen und Kenntnisse hinsichtlich des Begriffes hat das Kind? Ergeben sich hieraus Anknüpfungspunkte?

-        Welche Wahrnehmungsstrategien (z.B. Taststrategien) sind notwendig, um die Merkmale erkennen zu können? Müssen diese Strategien eingeführt und angeleitet werden? (Z. B. vor dem Urlaub: Kann das Kind schon Landkarten ertasten, um zu erfahren, wo Mallorca liegt

-        Wie weit kann man das Lernen mit Worten begleiten?

-        Wie weitgehend muss das Kind den neuen Begriff verstehen: nur ungefähr oder sehr tiefgehend?

-        Wie viel Bedeutung hat der Begriff für das Kind? Davon hängt seine Aufmerksamkeit und Interesse am Lernen ab.

 

Quellen für diese Erläuterungen sind Dr. Markus Lang und Dieter Hudelmayer.



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